*1968 | Germany

Bereich: | Natural Sciences | Technology

Studium und Promotion: Wirtschaftswissenschaft (während der Promotion: bereits Politikberaterin)

Meine Arbeit: 

Abteilungsleiterin »Energie, Verkehr, Umwelt« (Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung) • Professorin für Energiewirtschaft & Energiepolitik an der Leuphana Universität • Co-Vorsitzende des Sachverständigenrats der Bundesregierung für Umweltfragen • Präsidium der Deutschen Gesellschaft des Club of Rome • Präsidium der Wissenschaftsinitiative Scientists for Future

© Oliver Betke

Claudia Kemfert

„Die MINT-Branche ist nichts für Frauen!? Aber doch!

Es gibt herausragende Frauen in den Wirtschaftswissenschaften, wie u. a. die Nobelpreisträgerinnen Elinor Ostrom und Esther Duflo. Frauen wie sie haben durch ihre Forschung, Lehre und politischen Beiträge die Wirtschaftswissenschaften maßgeblich geprägt, aber wichtiger noch: Sie haben mit ihren Fragen und Ideen die öffentliche Debatte inspiriert und verändert.“

Kurze Tätigkeitsbeschreibung:

Die Erforschung von volkswirtschaftlichen Auswirkungen der Transformation des Energie- Verkehrs- und Gebäudesystems hin zu mehr erneuerbaren Energien, Elektromobilität oder Wasserstoff. Wir erstellen Forschungsberichte, Studien sowie Fachveröffentlichungen. Diese werden auch im Rahmen der Politikberatung wie beispielsweise im Sachverständigenrat erörtert. Die Tätigkeit mit den großartigen Kolleg:innen macht riesig Spaß. Und ich habe einem Podcast im MDR, wo ich wissenschaftliche Erkenntnisse einem breiten Publikum erläutere, und das schon 2,5 Jahre lang. Es wird nie langweilig, im Gegenteil.

Statement zu Frauen in der MINT-Branche:

Die MINT-Branche ist nichts für Frauen!? Aber doch! Wir sollten an Namen denken wie Ada Lovelace, Emmy Noether, Grace Hopper, Margaret Hamilton, Marie Curie, Hedy Lamarr, Ellen Ochoa oder Katherine Johnson. Herausragende Frauen gibt es auch in den Wirtschaftswissenschaften mit starker Ausrichtung in die MINT Fächer: Zuerst zu nennen wären die beiden Nobelpreisträgerinnen Elinor Ostrom und ihre Forschung zur Allmende sowie Esther Duflo und ihre experimentellen Ansätze zur Armutsbekämpfung. Wegweisend waren und sind auch die Pionierin in der feministischen Wirtschaftswissenschaft Barbara Bergmann, die Wirtschaftshistorikerin Claudia Goldin und ihre Forschung zum GenderPayGap, die Ökonomin Mariana Mazzucato und ihre Arbeiten zur Rolle des Staates in der Wirtschaft, die Ökonomin Dambisa Moyo und ihre Arbeit zum Thema Mikrofinanzierung sowie die politische Ökonomin Joan Robinson, die den Satz „Der Markt regelt das“ als Mythos entlarvte. Auch in der Politik finden sich viele Wirtschaftswissenschaftlerinnen: zum Beispiel die Arbeitsmarktökonomin und derzeitige US-Finanzministerin Janet Yellen, EZB-Präsidentin Christine Lagarde, die Chefökonomin der Weltbank Carmen Reinhart und die ehemalige stellvertretende Geschäftsführerin des IWF, Anne Krueger.

 

Frauen wie sie haben durch ihre Forschung, Lehre und politischen Beiträge die Wirtschaftswissenschaften maßgeblich geprägt, aber wichtiger noch: Sie haben mit ihren Fragen und Ideen die öffentliche Debatte inspiriert und verändert. Frauen sind nicht nur die Hälfte der Menschheit, sie sind auch die Hälfte der Zukunft. Mit unserem MINT-Wissen können wir dazu beitragen, die Herausforderungen unserer Zeit wie Klima- und Umweltprobleme, nachhaltige Produktivität und globale Gerechtigkeit zu lösen. Darin sollten wir uns wechselseitig bestärken! MINT rocks!

© Andreas Schoelzel

Nein, gar nicht. Ursprünglich wollte ich Ärztin werden, deswegen habe ich in der Schule das große Latinum absolviert. Von Kindheit an forschte ich sehr viel, an Tieren und Pflanzen. Bis heute wird in meiner Familie darüber liebevoll gelacht, wie geduldig ich als Kind die Punkte auf den Flügeln der Marienkäfer gezählt habe. Ich war schon als Kind sehr wissbegierig, hatte eine Art Forschungsdrang. In der Familie dachten alle, ich würde Ornithologin werden. Verhaltensforschung war und ist auch immer noch meine Leidenschaft.

 

Volkswirtschaftliche Märkte samt Marktmacht zu untersuchen ist der biologischen Verhaltensforschung recht ähnlich. Dass ich heute Wirkungen von Klimaschutz und Energiewende untersuche, hatte ich früher nicht im Sinn. Aber es macht mir sehr viel Spaß. Ich habe das große Privileg, zeitlebens das machen zu dürfen, was mir an meisten Spaß macht.

 

Wie Konfuzius schon sagte: „Suche dir einen Beruf, den du liebst, und du brauchst nie in deinem Leben zu arbeiten“. 

Die Freiheiten und Entfaltungsmöglichkeiten meiner Kindheit waren hilfreich für den Start, aber erst im Studium bin ich Menschen begegnet, die meinen Weg maßgeblich gewiesen haben. Der renommierte US-Ökonom Alan Manne, den sein Hobby Reitsport zufällig auf einen Pferdehof im Nachbardorf in meiner Heimat verschlug, lud mich an die Uni Stanford, wo ich sehr intensiv mathematische Modellierung von Energie- und Klimamärkten untersuchte. Ich konnte an einem der ersten Studiengänge für erneuerbare Energien an der Uni Oldenburg intensiv die Energiewende hin zu erneuerbaren Energien studieren. Sehr früh in meiner Karriere habe ich im Rahmen von zahlreichen großen Forschungsprojekten mit Umwelt- und Klimaforschern arbeiten dürfen, wie beispielsweise mit dem späteren Nobelpreisträger Klaus Hasselmann.

 

Daraus entwickelten sich immer weitere Netzwerke mit wahnsinnig vielen wissenschaftlichen Kolleginnen und Kollegen. Der SPD-Politikerin und Bundesministerin Edelgard Bulmahn, die das deutsche Hochschulsystem reformierte, verdanke ich, dass ich als Frau und mit 32 Jahren vergleichsweise jung im Jahr 2002 die allererste Juniorprofessur in Deutschland überhaupt antreten konnte. Der CDU-Politiker Klaus Töpfer, Bundesminister für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit in der Regierung von Helmut Kohl, der auch als Hochschullehrer tätig war, ermutigte mich, Erkenntnisse der Wissenschaft in die Politik einzubringen. Der SPD Politiker Herman Scheer inspirierte mich, mich immer weiter mit dem Ausstieg aus fossilen Energien zu beschäftigen. Ich könnte noch endlos mehr Namen aufzählen, die meinen Berufsweg beeinflusst haben, nicht alle so prominent, aber für mich und mein Leben unermesslich wichtig.

Ich wollte die Welt verstehen, auch über die Grenzen Deutschlands hinaus. Im Studium begegnete ich der Klima- und Energieökonomie, vor über 30 Jahren ein Nischenfach. 1988 begann ich zu studieren, im Jahr 1990 kam der erste Klimabericht (IPCC Sachstandsbericht) heraus. Ich erkannte sofort, dass ich Teil der Erforschung sein wollte, wie der menschengemachte Klimawandel aufgehalten werden kann und wie die Energiewende hin zu einer Vollversorgung aus erneuerbaren Energien ermöglicht und umgesetzt werden kann. Mich faszinierte sehr früh die existentielle Bedeutung: Energie ist das Blut einer Volkswirtschaft; ohne können wir nicht leben! Öl, Gas, Atom und erneuerbare Energie – was damals für viele langweilig klang, ist heute eines der wichtigsten Themen unserer Zeit. Kosten und Nutzen der Energiewende sind zu meinem Lebensthema geworden.

 

Leider ist es nicht gelungen, den Klimawandel ausreichend aufzuhalten. Die Gründe dafür sind klar, da die Marktmacht der fossilen Geschäftsmodell den Wandel erfolgreich verhindern kann und hat. Auch wenn seit über 40 Jahren bekannt, müssen die wissenschaftlichen Erkenntnisse auch weiterhin erforscht und der breiten Öffentlichkeit vermittelt werden.

Ich lerne jeden Tag dazu. Volkswirtschaft kombiniert Kenntnisse aus verschiedenen Disziplinen wie Mathematik, Ingenieurswissenschaften, Statistik, Soziologie und Politikwissenschaft. Am besten gefällt mir die wissenschaftliche Arbeit mit meinem Team, mit dem wir zahlreiche Themen und Untersuchungen zur Energie- Verkehrs- und Gebäudewende erforschen. Ich unterstütze und fördere junge weibliche Wissenschaftler:innen und bin in zahlreichen Mentorennetzwerken tätig. Zudem bin ich gerade in die dritte Amtszeit des Sachverständigenrats für Umweltfragen berufen worden. Die Tätigkeit mit den großartigen Kolleg:innen macht riesig Spaß. Und ich habe einem Podcast im MDR, wo ich wissenschaftliche Erkenntnisse einem breiten Publikum erläutere, und das schon 2,5 Jahre lang. Es wird nie langweilig, im Gegenteil.

© Hauke-Christian Dittrich

Freude am Lernen, denn Fragen zu stellen und in Frage zu stellen – das ist der innere Kern der Wissenschaft. Diese Freude treibt mich an, jeden Tag aufs Neue.

 

Teamgeist, denn Wissenschaft ist immer Teamarbeit. Große Forschungsprojekte basieren auf weltumspannenden Kooperationen. Das macht mir Spaß und ich freue mich auch am Erfolg der anderen.

 

Resilienz, denn Zweifel und Streit sind wesentlicher Teil der Wissenschaft. Außer um Fachfragen wird auch viel um Geld und Macht gerungen. Da geht es oft ziemlich ruppig zu. Das auszuhalten, fällt mir zum Glück leicht.

Schaffe dir möglichst früh ein Netzwerk von Menschen, denen du wirklich vertrauen kannst, fachlich und menschlich. Freundschaften sind nicht nur in der Freizeit, sondern auch im Arbeitsfeld Wissenschaft von hohem Wert.

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