*1988 | Germany 

Bereich: Technology 

Tischlermeisterin, Restauratorin im Tischlerhandwerk 

Meine Arbeit: 

Selbstständig als Tischlermeisterin und Restauratorin im Tischlerhandwerk

Beispielhaft fallen diese Aufgaben an | kurze Tätigkeitsbeschreibung:

 

© Heide Weit

Johanna Röh

"So haben wir das immer schon gemacht" hat ausgedient.

Ihre Vision für »Frauen in MINT«

Vorurteile sind wie ein Hintergrundrauschen, dass einem einflüstert, wer man doch ist oder sein sollte, was man doch eigentlich kann oder nicht kann, was einen interessiert oder nicht interessiert. Das Resultat dieser Stimmen von außen ist, dass man seine eigene Stimme nicht mehr hört, dass man sich selbst schlechter erfahren kann. 

 

Es war oft schwierig, ohne jemanden, der einen ähnlichen Weg gegangen ist, Orientierung zu finden – du hast mich! 

 

Verstecke und verstelle dich nicht, bleibe einfach du selbst – Du wirst die beste Handwerkerin!  

Statment zur Notwendigkeit Vorurtele abzubauen:

Wenn ich an meine Vision für Frauen in MINT denke, lande ich sofort bei der Notwendigkeit, Vorurteile in jeder Hinsicht abzubauen. Dazu ein kleiner Einblick in meine Erfahrungen während meiner 4-jährigen Wanderschaft als Tischlergesellin. Ich habe ein Jahr lang in Kanada in verschiedenen Tischlereien gearbeitet, danach einige Monate lang in Neuseeland. Anschließend war ich ein Jahr lang bei einem Sensei in Japan. Die Vorurteile, die Frauen (und Männern) begegnen, fand ich überall unterschiedlich. Haben Frauen genug technisches Verständnis? Können sie schwer heben? Halten sie den Druck aus? Wenn ich mich erst bei einer bestimmten Arbeit beweisen muss, verliere ich unglaublich viel Energie und Freude bei genau dieser Tätigkeit. Am wohlsten habe ich mich immer dann gefühlt, wenn es einfach keine gab & ich in Ruhe meine Arbeit machen konnte. Ich glaube, Vorurteile aufgrund von stereotypischen Rollenbildern haben einen großen Einfluss auf das Selbstbild und Selbstwertgefühl vor allem junger Menschen.

 

Vorurteile sind wie ein Hintergrundrauschen, dass einem einflüstert, wer man doch ist oder sein sollte, was man doch eigentlich kann oder nicht kann, was einen interessiert oder nicht interessiert. Das Resultat dieser Stimmen von außen ist, dass man seine eigene Stimme nicht mehr hört, dass man sich selbst schlechter erfahren kann. Ich finde, dass wir deswegen als Gesellschaft bewusst mit diesem Thema umgehen müssen, um eine freiere Entfaltung des Potenzials aller zu ermöglichen. Glücklichere Menschen und ein gesünderes, motivierteres Arbeitsumfeld sind die Folge.

Wir müssen noch stark an den Strukturen arbeiten, damit der Arbeitsmarkt ready für Tischlerinnen ist! Wir beklagen den Fachkräftemangel und werben für ein diverses Handwerk. Gleichzeitig gehen wir (stillschweigend) davon aus, dass in Kombination mit der Selbstständigkeit keine Kinder geplant sind. Also zumindest bei der einen Hälfte der Bevölkerung nicht. Wir lassen die werdenden Mütter, also die, die es doch wagen beides zu versuchen, mit dem Risiko und den Sorgen alleine. Wir sind stolz auf unsere vielen Familienbetriebe und sind blind dafür, dass diese auch aufgrund der Strukturen öfter vom Vater auf den Sohn übertragen werden und eben nicht von der Mutter auf die Tochter. 

Ich fand den Werkstoff Holz schon immer sehr spannend. Schon in meiner Kindheit beim Spielen habe ich mir oft vorgestellt, wie man aus Holz etwas Cooles bauen kann. Dann entschied ich mich für eine Ausbildung parallel zum Abitur. Der Alltag in der Tischlerei gefiel mir sofort. Es war für mich keine bewusste Entscheidung, sondern eine, die sich durch das Interesse am Material und die Möglichkeit, parallel zur Schule eine Ausbildung zu machen, ergeben hat. Die Ausbildung während der Schulzeit war ideal für mich, weil ich mich nicht zwischen dem Abitur und einer praktischen Ausbildung entscheiden musste. Es ermöglichte mir, beide Wege gleichzeitig zu gehen und so einen fließenden Übergang in die Berufswelt zu schaffen.

Ich hätte gerne Vorbilder gehabt, die diesen Werdegang hatten. Das hat mir zwischendurch gefehlt. Vorbilder und Ermutigung wären sehr hilfreich gewesen, um mehr Unterstützung zu haben. Es war oft schwierig, ohne jemanden, der einen ähnlichen Weg gegangen ist, Orientierung zu finden. Die Möglichkeit, mit solchen Personen zu sprechen, hätte sicherlich geholfen, meine Entscheidung zu festigen und mir mehr Mut für diesen Weg zu geben.

Meine Berufswahl war keine bewusste Entscheidung. Ich wollte erst Landwirtin werden. Ich habe mein Abitur an einer Schule gemacht, an der man parallel eine Ausbildung machen kann. Ich habe mich für den Beruf der Tischlerin entschieden. Je länger ich die Arbeit gemacht habe, desto mehr Spaß hatte ich und bin dann dabeigeblieben. Meine Erfahrung ist: Man wird, was man macht, wenn man grundsätzlich Freude an der Tätigkeit hat.

So wie ich jetzt arbeite ist es für mich persönlich ideal, ja. Eben weil mein Alltag so vielseitig ist. Gerade die Selbstständigkeit bringt für mich mit, dass ich selbst schauen kann, welche Aufträge ich annehmen möchte und mit welchen Kundinnen ich gut zusammenarbeiten kann. Außerdem bin ich sehr flexibel in meinem Tagesablauf. Wenn ich gerade Lust habe zu zeichnen und zu designen, kann ich das machen. Wenn ich mich auspowern will, mache ich Grobzuschnitt an der Kreissäge. Es ist je nach Tagesform einfach alles möglich, weil das Tischlerhandwerk einfach so flexibel ist. Und auch wenn mit meinem Kind etwas ist, kann ich als Selbstständige spontan reagieren, weil ich meine Terminplanung ja selbst in der Hand habe.

Man lernt die einzelnen Tätigkeiten. Man muss die Fähigkeiten also nicht mitbringen. Man sollte Lust haben, aktiv zu sein, Probleme zu verstehen und zu lösen und ein gewisses Durchhaltevermögen und Geduld haben, da Ergebnisse nicht sofort sichtbar sind und manchmal viele Schritte aufeinander aufbauen. Man sollte Lust haben sehr genau zu arbeiten. Räumliches Vorstellungsvermögen ist auch gut – aber den Rest lernt man in der Ausbildung. Auch was die körperlichen Anforderungen betrifft: Es gibt viele Techniken, die einem das Leben erleichtern. Man muss also nicht bärenstark sein. Die ersten Monate sind oft anstrengend, aber man wächst da rein.

Ja, die Hürden sind real und es ist oft subtil, wie Frauen weniger ernst genommen oder in Planungen einbezogen werden. Es gibt Vorurteile und eine objektifizierte Darstellung von Frauen im Handwerk. Zum Beispiel hängen in manchen Werkstätten immer noch Pin-Up-Kalender. Der Umgang muss noch respektvoller werden.

Trotz dieser Herausforderungen sehe ich jedoch, dass das Handwerk an einem Wendepunkt steht, an dem achtsamere Umgangsformen und eine inklusivere Kultur Einzug halten. Die meisten merken auch, dass diese alten Umgangsformen und dieses Credo „Lehrjahre sind keine Herrenjahre“ ausgedient hat. Ich glaube tatsächlich, dass wir es gerade hinbekommen, dass hochmotivierte Menschen ins Handwerk kommen und auch bleiben können und dort eine Heimat finden. Es ist wichtig, sich nicht verunsichern zu lassen und auf sich selbst zu hören.

Du findest immer deine Nische und deinen Weg. „So haben wir das immer schon gemacht“ hat ausgedient. Und alle Eigenschaften sind gefragt: Du brauchst deine Feinfühligkeit, deine Kreativität und deinen Wunsch nach einem guten Miteinander nicht aufgeben, weil das Handwerk eben rauh und rustikal ist. Du wirst die beste Handwerkerin, wenn du einfach du selbst bist und dich nicht versteckst und verstellst.

Weitere Infos und Kontakt

Johannas Webseite

EXPERIMINTA